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Dieses Thema hat 6 Antworten
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netti35 Offline

Mitglied

Beiträge: 341

13.12.2012 19:09
Wasserstoffperoxidantrieb Zitat · Antworten

Also, ich komme gerade vom Filmdreh über den H2O2-Motor zurück.

Es war eine hochinteressante Begegnung mit dem jetzt 83-jährigen Entwickler Dr. Glaubrecht aus Torgau. Es wird daraus vorerst nur ein 2,5min-Beitrag im MDR-Sachsenspiegel, voraussichtlicher Sendetermin ist der 14.12.2012, 19.00 Uhr. Eventuell ist auch eine Verschiebung in das Wochenende möglich.

Ausgangspunkt der Entwicklung war, das Anfang der 70er Jahre ein Ministeriumsmitarbeiter -zuständig für Umweltangelegenheiten in der DDR- mit dem damals schon in der DDR als selbstständigem Konstrukteur für Landmaschinenantriebe Dr. Glaubrecht ins Gespräch kam. Man unterbreitete ihm die Vorstellung der Entwicklung eines schadstofffreien Motors.
Dr. Glaubrecht kontaktierte daraufhin einen bekannten seiner Familie, der ab 1940 Versuchsfahrten mit U-Booten in der Kieler Bucht zur Erprobung des Walter-Antriebes (siehe Wikipedia) gemachte hatte und begann mit vergleichbaren Konstruktionszeichnungen. Darüber wurde der Mitarbeiter des Ministeriums unterrichtet.
Wenige Wochen nach den ersten Überlegungen, Experimenten und Konstruktionen wurde Herr Glaubrecht ohne Angabe von Gründen von 2 Herren des MfS im schwarzen Tatra 603 abgeholt.
Er war sich keiner Schuld bewusst, allerdings auch nie in der Partei und hat schon mal offen seine Meinung, z.B. in der Philosophieprüfung vor seiner ersten Dissertation kund getan.
“Oh”, war seine Annahme, “jetzt bringen die mich in die Zentrale nach Leipzig...”. Nicht einmal seine Frau wurde von der Aktion unterrichtet.
Der Tatra bog allerdings in Grimma ab und hielt auf dem Gelände eines Landmaschinenkombinates. Er wurde dem Generaldirektor und dessen Stellvertreter vorgestellt. Dort wurde ihm offeriert, dass er mit sofortiger Wirkung Angestellter des Kombinates sei, aber weiterhin in seinem Torgauer Büro arbeiten könne. Allerdings habe mindestens wöchentlich über den Fortgang der Arbeiten am Wasserstoffantrieb zu berichten.
Am Nachmittag des gleichen Tages wurde er zurück nach Torgau in seine Wohnung gebracht mit der Order, seine Büroräume nicht vor dem nächsten Tag 9.00 Uhr zu betreten. Er hielt sich daran und vermutete die MfS-Mitarbeiter wöllten zwischenzeitlich seine Unterlagen "sichten".

Umso größer war sein Erstaunen als tags darauf vor seinem Büro vom MfS empfangen und hineingeführt wurde.
Alles war komplett vom Besten eingerichtet, Ledersitzecke, neue Büromöbel, neuestes Zeichenbrett... und alle Unterlagen vorhanden. Aber die Fenster waren ab sofort mit schiebbaren Scherengittern versehen und an der Tür ein täglich zu prüfendes Siegel (Petschaft) angebracht. Außerdem bekam er einen Wartburg 353 in der Exportversion, also 75 statt 50 PS zu dienstlichen und privaten Nutzung gestellt.
Er konnte ungestört arbeiten, alle Wege zu benötigten Teilen und Materialien wurden geebnet. So entstanden mehre Antriebe, die zuerst auf eine Lafette zur Erprobung, später in div. Landmaschinen verbaut wurden.
Vieles wurde DDR-Typisch improvisiert, Holzmodelle für Gussteile fachgerecht selber geschnitzt, Düsen besorgt, Drehteile gefertigt und, und, und...

Höhepuntk des damaligen Schaffens war der Einbau des Antriebes in einen Wartburg 353 und die Funktionsvorstellung auf einem NVA-Gelände im Beisein von Ministern und Generälen (u.a. Armeegeneral Heinz Hoffmann) mit bester Absicherung durch Krankenwagen, Feuerwehr und natürlich MfS. Davon existiert ein Tondokument in Dr, Glaubrechts Besitz.

Bei den Tests konnte die Funktionstüchtigkeit nach anfänglichen Schwierigkeiten ( 5 Minuten Verzögerung des Starts wegen einer Luftblase im Versorgungsstrang) zweifelsfrei dargestellt werden, jedoch war der Verbrauch an 70%igem H2O2 (passiviert durch 2% Phosphorsäure) enorm. Somit ersann der Entwickler einen gangbaren Weg einen Teil der Abgase (H2O und O2) durch die überschüssige Energie zu H2O2 zurückzugenerieren. Darüber wurde ein sog. Geheimpatent erarbeitet und im Panzerschrank des o.g. Generaldirektors bis 1990 aufbewahrt.

Wasserstoffperoxid hat ähnlich dem Schwarzpulver die Eigenschaft plötzlich sehr große Energiemengen freizusetzen, im "gesteuerten" katalytischen Prozess ist dies praktisch sehr problematisch.
Deswegen nutzen einige vorangegangene Entwicklungen die Kombination mit herkömmlichen Kraftstoffen in Verbindung mit dem freiwerdenden O2 (heißer Prozess).

Glaubrecht verfolgt noch immer, oder besser gesagt, mit seiner aktuellen Dissertation seinen Weg, wie oben beschrieben.

Übrigens:
Drei Tage vor der Wiedervereinigung 1990 wurden seine Unterlagen von der gleichen Gilde, die einst über Nacht sein Büro einrichtete beschlagnahmt und in einem benachbarten Heizhaus verbrannt. Alle Geräte und angefangenen Projekte wurden zerstört. Glaubrechts Verteitigungsunterlagen seiner ersten Dissertation vernichtet, nur die Russischprüfungsunterlagen blieben erhalten.
Der Versuchswartburg wurde unter seien Augen mit der Flex zerlegt und auf unterschiedliche Schottplätze verbracht.
Wer diese Aktion veranlasste ist bis heute unbekannt. Ob man diese Entwicklung dem Westen vorenthalten wollte, oder ob sich die Schlapphüte bereits unter neuer Dienstherrschaft einer ungewollten Entwicklung zu entledigen hatten? Darüber kann nur spekuliert werden. Es sei denn Zeitzeugen können darüber verbindliche Auskunft geben.

Der in seinem Privatbesitz befindliche zweite Wartburg war versteckt worden, die Antriebsmaschine vorher von Ihm ausgebaut. Einige Monate nach der Wiedervereinigung hat Glaubrecht den Wartburg wieder komplettiert und funktionstüchtig gemacht.
Da sich niemand mehr so recht für seine Arbeit interessiert, hat er das Fahrzeug dem Chemnitzer Oldtimerverein überlassen.

Heute steht es im Museum für Sächsische Fahrzeuge Chemnitz.

Peter Patz
Leiter Sächs. Feuerwehrmuseum Zeithain

www.feuerwehrhistorik-riesa.de


P.S.: Weitergabe und Veröffentlich dieses Artikels nur mit meiner oder Dr. Glaubrecht's Genehmigung!



BMW 340 - 0 Offline

Mitglied


Beiträge: 157

13.12.2012 20:02
#2 RE: Wasserstoffperoxidantrieb Zitat · Antworten

Das liest sich wie ein feines Buch ! Unglaublich , dieser Mann ! Konnten den Antrieb ja schon in Schmannewitz gemeinsam begutachten . Danke für die Ausführungen und Peter - DU bist genau der Richtige für solch eine Recherche .

Grüße ins Land ( BMW 340 - 0 ) Uwe

classitec Offline

Mitglied

Beiträge: 191

13.12.2012 21:16
#3 RE: Wasserstoffperoxidantrieb Zitat · Antworten

Hallo Peter,
Danke für Deinen interessanten Beitrag und die Vorstellung der aussergewöhnlichen Arbeit und des Menschen Dr.Glaubrecht.Beiträge wie dieser machen das Forum einzigartig.
Allen viel Spaß Gerd.

netti35 Offline

Mitglied

Beiträge: 341

15.12.2012 03:17
#4 RE: Wasserstoffperoxidantrieb Zitat · Antworten

Der Bericht über Dr. Glaubrecht kommt lt. E-Mail vom MDR erst am Sonntag, den 16.12.2012 und ist danach für ca. 14 Tage in der Mediathek ansehbar. Den Link werde ich hier einstellen.

Normalerweise sind die Beiträge im Sachsenspiegel max. 2 - 2,5 Min. lang, man hat ausnahmsweise 3 Min. bewilligt!

Wie ich schon schrieb, es hätte auch ein ganzer Film werden können.



Gruß Peter

netti35 Offline

Mitglied

Beiträge: 341

16.12.2012 22:31
#5 RE: Wasserstoffperoxidantrieb Zitat · Antworten

Hier der Link zur Mediathek (Beitrag ab Minute 13:58 vom 16.12.2012):

http://www.mdr.de/mediathek/suche/mediat...=sachsenspiegel

Gruß Peter

netti35 Offline

Mitglied

Beiträge: 341

24.10.2013 23:39
#6 RE: Wasserstoffperoxidantrieb Zitat · Antworten
netti35 Offline

Mitglied

Beiträge: 341

25.10.2013 11:28
#7 RE: Wasserstoffperoxidantrieb Zitat · Antworten

Ups, leider den gleichen Artikel zweimal eingetragen.

Eigentlich meinte ich das hier:

http://www.gizmodo.de/2013/05/29/rekordv...id-262-kmh.html

Gruß Peter

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